Wie man Persönlichkeitstests mithilfe statistischer Modellierung um soziale Erwünschtheit bereinigen kann
Persönlichkeitstests sind in Bewerbungssituationen ein beliebtes Mittel, um Kandidatinnen und Kandidaten besser kennenzulernen. Doch was passiert, wenn Bewerbende ihre Antworten auf die Fragen des Tests so anpassen, dass sie möglichst gut dastehen? Dieses sogenannte sozial erwünschte Antwortverhalten, auch Selbstdarstellung, Verfälschung oder Faking genannt, ist ein bekanntes Problem, das die Aussagekraft von Persönlichkeitstests verzerren kann. Die klassischen Lösungsansätze für dieses Problem haben wir bereits in einem anderen Artikel dargestellt.
Ein Team von Forschern der Universität Mannheim und HR Diagnostics hat nun eine neue Methode zum Umgang mit Selbstdarstellung entwickelt, die sich neusten Techniken der statistischen Modellierung und probabilistischen Testtheorie bedient. Kern der Methode ist eine gemeinsame Berücksichtigung der interessierenden Persönlichkeitseigenschaften sowie der individuellen Verfälschungstendenz von Bewerbenden. Letztere wird mithilfe aussagenspezifischer Erwünschtheitscharakteristika, die auf den jeweiligen Bewerbungskontext abgestimmt sind, gemessen und daher maximal spezifisch im Modell berücksichtigt.
Somit erlaubt die Methode zweierlei: Zum einen lässt sich ein hohes Ausmaß an Selbstdarstellung entlarven, was Recruiterinnen und Recruiter bzw. einstellende Führungskräfte dazu bewegen kann, im nächsten Prozessschritt des Bewerbungsverfahrens spezifische Nachfragen zu stellen. Zum anderen wird durch die Modellierung bei der Messung der interessierenden Persönlichkeitseigenschaften bereits für das Ausmaß an Selbstdarstellung kontrolliert, sodass das Testergebnis bereits um Selbstdarstellung korrigiert ist.
Im Rahmen ihrer Arbeit haben die Forscher die neue Methode sowohl in statistischen Simulationen als auch an Daten von über 3.000 Bewerbenden erprobt. Die Ergebnisse sind vielversprechend: Abgesehen von einer besseren Beschreibung der empirischen Daten ließen sich die interessierenden Persönlichkeitseigenschaften durch die neue Methode besser voneinander abgrenzen. Zudem fand sich wie erwartet eine umso höhere Verfälschungstendenz in den Daten, je wichtiger die Antworten für die Bewerbenden waren. Neben einer verbesserten Persönlichkeitsdiagnostik soll die neue Methode auch Einblicke in die Psychologie von Selbstdarstellung geben. So wurden auch Zusammenhänge mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen sowie Intelligenz untersucht.
Insgesamt stellt die neue Methode eine aussichtsreiche Erweiterung für die Persönlichkeitsmessung in Bewerbungssituationen dar. Die Bereinigung sozial erwünschten Antwortens im gegebenen Bewerbungskontext ist bereits bei klassischen Likert-skalierten Persönlichkeitstests anwendbar. Zukünftig soll die Methode auch auf alternative Persönlichkeitstests zum Umgang mit Selbstdarstellung (sog. Forced-Choice-Tests) bezogen werden. Ferner besteht die Möglichkeit, durch die Objektivität des Verfahrens die Fairness von Personalauswahlentscheidungen zu erhöhen. In laufenden Folgestudien soll nun untersucht werden, welche Effekte die Methode auf die Vorhersage beruflichen Erfolgs haben wird.
Details zu der neuen Methode sowie zu der Erprobung an empirischen Daten aus der Personalauswahl sind nachzulesen in folgendem Artikel, in der Fachzeitschrift Educational and Psychological Measurement erschienen ist:
Seitz, T., Spengler, M. & Meiser, T. (2025). “What if applicants fake their responses?”: Modeling faking and response styles in high-stakes assessments using the multidimensional nominal response model. Educational and Psychological Measurement. Vorzeitige Online-Veröffentlichung. https://doi.org/10.1177/00131644241307560[TS(DA1]
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